Karlovy Vary 2012: Der richtige Kontext

Karlovy Vary 2012 Hotel Termal

Irgendwie geht es natürlich bei jedem Filmfestival auch um den Schein. Um die Überhöhung des an sich oft trivialen Kinobesuchs. Um Fassaden, Plakate, Trailer, Limousinen, Events, Reden, Stars, Lounges, VIP-Bereiche. Am Ende des Tages ist das Staffage und schnell vergessen, wenn die Filmauswahl stimmt (oder nicht). Dass Karlovy Vary aber schon in dieser Hinsicht vieles besser macht als die Konkurrenz, nimmt einen von vornherein sehr positiv ein. Das Plakat könnte nicht schlichter sein, die Festivalinschrift am Eingang und der kurze rote Teppich verbergen den dahinter liegenden Betonklotz nicht, die Stars präsentieren sich in den schwarzweiß gehaltenen Festival-Trailern dezidiert selbstironisch (und Karlovy Vary sich selbst auch), der künstlerische Leiter hat eine cinephile, zurückhaltende Ausstrahlung, und vor den Premieren gibt es stets Applaus für den Mann, der auf der Bühne mit aller Leidenschaft den Mikroständer wegräumt. Ein Vergleich drängt sich etwa mit dem zeitgleich stattfindenden Münchner „Sommer-Festival“ auf. Dort hat die neue, aus der Filmwirtschaft kommende Direktorin angekündigt, sich mehr Event und Glamour zu verschreiben, und kurzerhand die Sonnenbrille als „unerlässliches“ Festival-Accessoire (so die eigene Sprachregelung) aufs Plakat gehievt. Genaueres zu den Entwicklungen in München gibt’s etwa bei unseren Kollegen von Artechock zu lesen: Dunja Bialas beschreibt dort vorab ihre Verärgerung, und ebenfalls auf Artechock finden sich aus dem Kontext gerissene, aber sehr aufschlussreiche Zitate der neuen Leiterin.

Filmfest Muenchen

Guckt man ins Programm des tschechischen Festivals, bestätigt sich die positive Erwartungshaltung: Von den Filmen, die ich bereits kenne, bietet Karlovy Vary ein äußerst liebevoll zusammengestelltes Best-of: Von einigen wagemutigen Orizzonti-Beiträgen aus Venedig über die wichtigsten Cannes-Beiträge (inklusive Höhepunkte der Semaine de la Critique) bis zu mehreren schönen Filmen der diesjährigen Berlinale. Und dann gibt es noch das Herz des Programms, weswegen ich hier bin: einen internationalen Wettbewerb, der allem Anschein nach offen, neugierig und vielfältig ist – so finden sich unterschiedliche Genres vom Neo-Western über Komödien bis hin zu Dramen darin –, mit einem leichten Schwerpunkt auf Experimenten mit der Filmform. Last but not least bietet Karlovy Vary eine umfassende Schau des aktuellen osteuropäischen Kinos (etwa mit dem Wettbewerb „East of the West“), für mich jedenfalls jede Menge Gründe zur Vorfreude.

Angesichts der wenigen deutschen Kritiker, die es nach Tschechien verschlagen hat, sei noch erwähnt, dass Karlovy Vary näher an Berlin liegt als München.

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