Immer wieder Dardennes - The Kid with a Bike in Cannes

Das Festival hat so einige der heute weltbekannten Regisseure zu dem gemacht, was sie sind. Bei den Dardenne-Brüdern gilt das sicherlich ganz besonders, immerhin wurden sie bereits im Zuge ihrer ersten Goldenen Palme für Rosetta (1999) zu einer stilistischen Referenz in der Festivalszene. Mit L'enfant (2005) und der zweiten Goldenen Palme (eine Seltenheit in der Geschichte des Festivals) hat sie Cannes quasi zu Rittern des europäischen Festivalkinos geschlagen.

Nun müsste und möchte man vielleicht fragen, welchen Effekt eine solche Festivallaufbahn auf die Filme selbst hat, abseits ihrer Rezeption. Bei einem Kino, das sich derart durchgängig einer stilistischen Herangehensweise verschreibt, müssen die Filmemacher in und aus ihren Filmen heraus Antworten dafür entwickeln, inwiefern ihr ästhetisches System noch angemessen und weiterhin produktiv bleibt. Vor allem das Spannungsverhältnis zwischen ihrem Stil auf der einen, sowie  Figuren und Sujet auf der anderen Seite, rückt in den Fokus.

Im Einsatz der Handkamera, der konsequenten Verweigerung von Affektbildern und der Konzentration auf Bewegungsräume, die immer auf die Figuren zentriert sind, affirmieren die Dardennes einen Realismusanspruch, den ihre Drehbücher nicht immer gleichermaßen einlösen. Zuletzt war diese Divergenz bei Lornas Schweigen (Le silence de Lorna, 2008) zu beobachten, als die Plotwendungen der immer gleichen formellen Perspektive nicht durchgehend angemessen schienen. Die entstehenden Zweifel an ihrer künstlerischen Konzeption konnte das mystische Ende wiederum etwas zerstreuen. Beim diesjährigen Wettbewerbsbeitrag The Kid with a Bike (Le gamin au vélo) könnte man vermerken, dass die Regisseure und Drehbuchautoren ihren Protagonisten zu sehr aus seinem sozialen Umfeld herauspräparieren. Der ständig rennende und flüchtende Junge, der mit einer Enttäuschung nach der anderen konfrontiert wird, scheint als Heimkind mit fehlenden Eltern von Anfang an als Figur etabliert, die durch ihre soziale Umgebung konditioniert ist. Nur interessiert sich der Film für dieses Milieu nicht wirklich und lässt es zum Impulsgeber für eine Familiengeschichte verkommen. Die Dringlichkeit, mit der die Brüder in Rosetta das Porträt eines jungen Mädchens aufzeichneten, das seine Lebenswelt als ständigen Kampf interpretiert, findet sich in der Darstellung des Jungen höchstens als Splitter in der wie immer grandiosen Schauspielerführung wieder. Doch dann schwillt nach den größten Enttäuschungen für einen kurzen Augenblick eine alles überdeckende Blasmusik an, mitleidig und gutmütig, als hätten sich die Dardennes nun endlich doch dazu bekannt, dass sie hier nichts anderes tun als das: eine exploitative Milieu-Assoziation für Bildungsbürger, die sie aus Bewusstsein für eine funktionierende Formel von Festivalkino weiter beliefern. Wenn sie Cannes darin bestätigt hat, ihrem Stil treu zu bleiben, ist es nun vielleicht an der Zeit, diesem Einhalt zu gebieten.

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