Grenzüberschreitungen

Auf der Suche nach dem Nervenkitzel. Das Arsenal präsentiert sämtliche Langfilme von Kathryn Bigelow.

The Loveless 01

In der ersten Szene von The Loveless (1981) knattert Willem Dafoe mit seiner Harley in eine öde Kleinstadt. Dass er hier eigentlich nicht hingehört, lässt er sein Umfeld unmissverständlich spüren. Die Lederjacke, die pomadisierten Haare, der gelangweilte Blick und die nicht besonders guten Manieren sind seine demonstrativ nach außen getragene Weigerung, sich den eingefahrenen Ritualen einer spießigen Provinzgemeinde anzupassen. Hierher verschlagen hat es ihn ohnehin nur, weil er auf die restlichen Mitglieder seiner Motorradgang wartet. Gemeinsam wollen sie sich auf den Weg zu einem Wettrennen machen, um die Langeweile hinter sich zu lassen und um das Leben endlich in seiner vollen Intensität zu spüren.

The Loveless 02

The Loveless ist ein narrativ entschlacktes und stark ästhetisiertes Remake von Der Wilde (The Wild One, 1953), das den Beginn zweier erfolgreicher Kinokarrieren markiert. Zum einen der von Willem Dafoe, zum anderen der von Kathryn Bigelow, die hier, gemeinsam mit Monty Montgomery, ihr Regiedebüt gibt. In ihrem bisherigen Gesamtwerk steht der Film für ein Übergangsstadium: Er zeigt, wo die Regisseurin herkommt, aber auch, in welche Richtung sie sich in den folgenden Jahren entwickeln wird. Als Studentin war Bigelow fest in der New Yorker Kunstszene verankert, lernte bei Vito Acconci und Lawrence Weiner und war sogar an einem Projekt mit dem Minimal-Music-Komponisten Philip Glass beteiligt.

Zero Dark Thirty 13

Ihren frühen Filmen merkt man die Nähe zur bildenden Kunst noch an. Sie beugen sich zwar einer herkömmlichen Handlungsökonomie, setzen aber zugleich auf eine stark stilisierte Bildsprache. Das Interesse für Kleidung und Maschinen in The Loveless ist etwa ebenso groß wie das für die eigentliche Geschichte. Kein Wunder, dass immer wieder Parallelen zwischen Bigelows Debüt und Kenneth Angers fiebriger Biker-Fantasie Scorpio Rising (1964) gezogen werden. Die Faszination fürs Genrekino, die in The Loveless schon angelegt ist, wird sich dagegen in den nächsten Jahren immer stärker ausbilden.

Blue Steel 01

Bigelow hat sich ihren Platz in einer Männerdomäne geschaffen. In manchen Filmen lässt sie ihr Geschlecht ganz außen vor, um sich in einen testosteronhaltigen Mikrokosmos zu stürzen, in anderen erzählt sie davon, wie sich Frauen in klassischen Männerberufen behaupten. Dabei verraten die Filme auch viel über ihre Entstehungszeit. Während Jamie Lee Curtis als junge Polizistin in Blue Steel (1989) noch den Druck eines exklusiven Jungsvereins zu spüren bekommt, thematisiert Zero Dark Thirty (2012) schon gar nicht mehr, dass es eine Frau ist, die hier Jagd auf den meistgesuchten Terroristen der Welt macht.

Near Dark 01

Ob weiblich oder männlich, Bigelows Figuren bewegen sich häufig innerhalb einer kleineren sozialen Gruppe, die sich gegen ein ihr feindlich gesinntes Umfeld behaupten muss. Das kann, wie in Near Dark (1987), eine Vampir-Clique sein, aber auch, wie in Tödliches Kommando (The Hurt Locker, 2008), eine US-Einheit, die im Irak Bomben entschärfen muss. Die Gefahr ist für die Protagonisten ein ständiger Begleiter, wenn nicht sogar ihr Lebenselixier. Die Filme werden dominiert von einer unerschöpflichen Lust am Risiko, am Austesten und Überschreiten körperlicher und geistiger Grenzen. Nicht immer muss die Position innerhalb einer Gruppe dabei klar definiert sein. Manchmal besteht die Grenzüberschreitung der Figuren gerade darin, dass sie nicht wissen, wo ihr Platz ist. Im Surferfilm Gefährliche Brandung (Point Break, 1991) etwa verdreht Patrick Swayze als krimineller Kämpfer gegen das Establishment Undercover-Cop Keanu Reeves so lange den Kopf, bis der nicht mehr weiß, auf welcher Seite des Gesetzes er steht.

Point Break 01

Auch Bigelow selbst positioniert sich immer wieder neu. Große Studioproduktionen hat sie ebenso gedreht wie Independentfilme, und das gerne verwendete Label der Actionregisseurin greift ohnehin zu kurz. Was Bigelow bis heute interessant macht, ist ihre Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln. Nach einer künstlerischen Flaute mit dem historischen Mystery-Thriller The Weight of Water (2000) und der vor Pathos nur so triefenden Geschichtsstunde K-19 – Showdown in der Tiefe (K19 – The Widowmaker, 2002) erfand sich die Regisseurin einfach neu. Nach Drehbüchern des Journalisten Mark Boal widmete sie sich in ihren letzten beiden Filmen mit einer eher dokumentarischen Ästhetik der jüngeren amerikanischen Geschichte. Ihre Helden sind dabei die gleichen geblieben: unerschrockene Kämpfer, die den Nervenkitzel lieben und sich nichts aus einem beschaulichen Leben machen. Im März gibt es nun im Rahmen einer Retrospektive des Berliner Arsenals die Möglichkeit, alle Langfilme Bigelows im Kino zu sehen. Und dass Erfreuliche daran ist, dass alles, was auf Film gedreht wurde auch als 35mm-Kopie gezeigt wird.

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