Geschichte von der anderen Seite

Nur wenige wissen, dass sich hinter der französischen Synchronstimme von Eddie Murphy einer der wichtigsten Regisseure des postkolonialen Kinos verbirgt. Am Wochenende wird Med Hondo in Berlin zu Gast zu sein, dort seine Version eines Historienfilms vorstellen und gemeinsam mit dem Publikum im Archiv des Arsenals wühlen.

Soleil O

Als Med Hondo Anfang der 1960er Jahre nach Frankreich kam, träumte er von einem besseren Leben, das ihm weder in seiner mauretanischen Heimat noch in seinem Exil in Marokko vergönnt war. Die Realität in Europa erwies sich jedoch als äußerst ernüchternd. Viel schien sich seit der Kolonialzeit nicht geändert zu haben: Migranten wurden in Frankreich mit einem erschreckend selbstverständlichen Rassismus konfrontiert und lediglich als billige Arbeitskräfte geduldet. In seinem Regiedebüt Soleil O (1970) formte Hondo diese Erfahrungen zu einer wütenden Anklage. Mit jedem Bild zeigte er, wie tief sich die schmerzhafte Vergangenheit in die Seele des kolonialisierten Afrikas eingebrannt hat – und brach die realistische Darstellung alltäglicher Demütigungen immer wieder mit theatralen Verfremdungseffekten. Heute zählt der Film zu den Klassikern des postkolonialen Kinos.

West Indies  1979

Hondo blieb in Frankreich und arbeitete dort als Schauspieler und Synchronsprecher. Vor allem kennt man ihn dort als die Stimme von Eddie Murphy. Doch er drehte auch weiterhin Filme. Die wurden zwar auf Festivals gefeiert, zu größerer Bekanntheit schaffte Hondo es aber nie. Wenn man ein bisschen im Internet recherchiert, stößt man vereinzelt auf Bilder und Beschreibungen von Filmen, die man am liebsten sofort sehen möchte – etwa das Musical West Indies (1979) oder den Thriller Lumière noire (1994). Doch bis heute ist kein einziger von Hondos Regiearbeiten auf DVD oder Blu-ray erhältlich. 

Minenfeld der Konflikte

Sarraouina

Eine von Hondos größten Produktionen ist Sarraouina (1986). Ähnlich wie in Ousmane Sembènes Camp de Thiaroye (1989) wird darin von einer afrikanischen Revolution gegen die französischen Kolonialherren erzählt. Die auf Tatsachen beruhende Handlung ist im Niger des späten 19. Jahrhunderts angesiedelt und dreht sich um eine Herrscherin der Azna-Volksgruppe, die sich gegen die Besatzer auflehnt. Im Vergleich zu dem avantgardistischeren Soleil O wirkt Sarraouina fast wie ein klassischer Historienfilm; nur dass er von der Seite der Unterdrückten erzählt.

Sarraounia Poster

Die Titelheldin ist von einer unkontrollierbaren Wut getrieben; nicht nur auf die überheblichen Franzosen, die mordend durchs Land ziehen, sondern auch auf ihre eigenen Leute. Wobei – und hier zeigt sich auch die Bedeutung von Hondos Perspektive – es „die Afrikaner“ als homogones Volk oder gar als Leidensgemeinschaft im Film schlichtweg nicht gibt. Mit fortschreitender Handlung löst sich Hondo immer stärker von seiner vermeintlichen Protagonistin, wie er überhaupt nur wenig Interesse daran zeigt, Geschichten über Individuen und ihre möglichst universellen Schicksale zu erzählen. Stattdessen breitet sich in den epischen Cinemascope-Bildern zwischen virtuosen Gesangseinlagen und aufwändigen Schlachtszenen ein Minenfeld an politischen, ethnischen und religiösen Konflikten aus.

Sarraouina 1

Jeder soziale Unterschied wird dabei zum Fundament eines Kampfes. Die sudanesischen Sklaven der Franzosen metzeln im Auftrag ihrer Peiniger ein Dorf nach dem anderen nieder. Die Muslime wettern gegen die in ihren Augen heidnischen Azna. Frauen intrigieren gegen ihre Männer. Und auch ansonsten wird der Krieg zum willkommenen Anlass, um mit allen Andersdenkenden abzurechnen. Obwohl Hondo einen ganzen Haufen hoffnungsloser Fälle versammelt, bewahrt er sich am Ende doch einen kämpferischen Optimismus, der die Differenzen aufzulösen vermag: Der Aufstand der Herrscherin, den die Franzosen in Wahrheit niederschlugen, wird im Film zum Triumph für das kolonialisierte Afrika.

Am 24. September gibt es die seltene Gelegenheit, Sarraouina auf der Leinwand zu sehen. Med Hondo wird seinen Film persönlich im Berliner Arsenal vorstellen. Am darauffolgenden Tag ist der Regisseur außerdem im silent green Kulturquartier zu Gast, wo gemeinsam mit dem Publikum die im Arsenal Archiv gelagerten Materialien zu Hondos Filmen gesichtet werden. Im Anschluss daran wird es ein Gespräch geben. Der Eintritt für die Veranstaltung im silent green ist kostenlos. Anmelden kann man sich unter der Email-Adresse: anightandaday@yahoo.com

Das genaue Programm zur Veranstaltung gibt es hier

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