Einsichten ohne letztes Wort

Im Juni zeigt das Arsenal aktuelle Filme aus Mexiko, die sich vor allem durch Formenvielfalt auszeichnen und die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verwischen – ohne darum viel Aufhebens zu machen.

Everything Else

Die Geschichte einer schleichenden Desorganisierung: Doña Flor (Adriana Barraza) arbeitet in einer Behörde in Mexiko-Stadt; jeden Tag werden Dutzende Bürger durch einen eher gelangweilten Wachmann dazu aufgerufen, sich mit ihren Dokumenten und Anliegen Doña Flors Schreibtisch zu nähern, und die schüttelt dann meistens den Kopf, weil irgendwas nicht stimmt. Mal ist ein Teil des Formulars nicht mit blauem, sondern mit schwarzem Kuli ausgefüllt, mal sind die zwei Unterschriften sich nicht ähnlich genug. Teils sind die festgestellten Mängel so lächerlich, dass sie sich eher für eine absurde Komödie zu eignen scheinen als für einen so bitterernsten Film wie Todo lo demás. Aber die Regisseurin Natalia Almada, die vorher Dokumentarfilme gemacht hat, übernimmt gleichsam das Pokerface ihrer Protagonistin, und so müssen nicht nur die Kunden unverrichteter Dinge wieder abziehen, sondern auch wir aus einen Film schlau werden, in dem Doña Flor jeden Abend in ihr großes Notizbuch schreibt, wer alles an ihrem Schreibtisch gekommen ist und wen sie ablehnen konnte. Im Hintergrund laufen die Fernsehnachrichten, der Betrieb auf einer Metrolinie war für 19 Minuten unterbrochen. Ein sehr korrekter Film.

Souverän ungreifbar

Santa Teresa and Other Stories

Wenn Doña Flors Korrektheit im weiteren Verlauf von Todo lo demás zunehmend mit ihrer augenscheinlichen Angst vor Wasser (und wenn man die Schwimmbadszenen verlängert: vor fehlendem Halt) verschaltet wird, dann ist das weder Küchenpsychologie noch platte Symbolik, und wenn sie behutsam ihr Leben ändert, dann nicht im üblichen Modus sorgsam durchmarkierter Figurenentwicklung. Überhaupt verzichten die Filme der von James Lattimer kuratierten Reihe „Durchlässige Grenzen – Neue Wege im mexikanischen Film“ auf derlei Konventionen – und verzichten doch nicht gleich darauf, von (individuellen wie kollektiven) Psychen zu sprechen, sich auf Symbole zu beziehen, Entwicklungen sichtbar zu machen. Der Titel der Reihe verweist schon auf eine gewisse Ungreifbarkeit dieser Filme, die aber allesamt souverän genug sind, das vielzitierte Verwischen der Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation nicht als zwangsoriginelle Geste vor sich herzutragen, sondern das für unterschiedlichste Formen durchlässige Bild als selbstverständlichen Ausgangspunkt zu nehmen.

Vom Zentrum an die Ränder

AS WITHOUT SO WITHIN

Todo lo demás ist da noch der am konventionellsten erzählte Film, und es ist vielleicht kein Zufall, dass er in der Hauptstadt spielt, sich mit Bürokratie beschäftigt, während Filme von den geografischen Rändern Mexikos stärker ausfransen, in alle Richtungen fliehen. Santa Teresa and Other Stories (Santa Teresa y otras historias) von Nelson de los Santos Arias etwa nimmt die fiktive Stadt aus Roberto Bolaños Opus magnum 2666 zum Anlass, die im Detail so konkrete wie in der Struktur diffuse Prosa des chilenischen Autors in eine filmische Form zu übertragen. So finden unterschiedliche Geschichten, Stimmen, Bildtypen in dieser Stadt ein diffuses Zentrum, und wie der Roman wird auch Santa Teresa and Other Stories immer wieder auf den Boden der Frauenleichen zurückgebracht, für die Ciudad Juárez, die für Bolaños Santa Teresa Pate stand, längst traurige Berühmtheit erlangt hat. Eine ähnliche politische Explizitheit zeichnet sonst wohl nur noch Tatiana Huezos bereits letztes Jahr im Forum der Berlinale vorgestellten Tempestad aus, ansonsten brodelt die allgegenwärtige mexikanische Gewaltökonomie eher im Untergrund und drängt nur selten an die Oberfläche der Bilder.

Nicht zur Geduld verdonnert

I Promise You Anarchy

Durch ein Gesetz ist die staatliche Filmförderung in Mexiko im Jahre 2005 nochmals deutlich gestärkt worden, und gemeinsam mit der Digitalisierung hat das nicht nur zu einem gesteigerten Output mexikanischen Filmschaffens geführt, sondern auch zu einer erhöhten Experimentierfreudigkeit. Der in Kanada lebende Nicolás Pereda hat gleich drei seiner erratischen, mittellangen Arbeiten im Programm (Minotaur und The Palace werden zusammen gezeigt, The Absent als längster Film einzeln) und wird an zwei Abenden auch persönlich anwesend sein; Manuela De Labordes in Toronto gefeierte experimentelle Formenstudie As Without So Within läuft als Vorfilm zu Santa Teresa and Other Stories.

Was bei all dieser Experimentierfreudigkeit aber auffällt: Niemals wird zur Geduld verdonnert. Innerhalb des lateinamerikanischen Kinoschaffens, in dem das beruhigte, in die Länge gezogene Bild auch schon mal Selbstzweck sein kann, ist das eine nicht selbstverständliche Tugend. Und auch wenn mitunter schon mal ein nicht gänzlich uneitler Kunstwille durchscheint, unterliegen diese Filme keinem Kohärenzzwang, verweisen nicht stetig auf sich selbst als Werk zurück, riegeln sich nicht hermetisch ab, sind vielmehr nicht nur in der Semantik, sondern auch in der Syntax durchlässig. Pirschen sich an ihr Material heran, betrachten es von unterschiedlichen Perspektiven, als Angebote für Einsichten, lassen es aber auch wieder los, ganz ohne letztes Wort.

Die Reihe „Durchlässige Grenzen“ läuft vom 2. bis zum 30. Juni 2017. Das vollständige Programm gibt es auf www.arsenal-berlin.de/kino-arsenal/programm/einzelansicht/article/6693/2796.html

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