Ein Lied um Mitternacht

Das Berliner Arsenal widmet sich im März einem blinden Fleck der Filmgeschichte: dem chinesischen Kino vor der Kulturrevolution.

Ein Lied um Mitternacht

Wenn Politik Einfluss auf die Kunst nimmt, ist das kein gutes Zeichen. Man muss allerdings nur nach Russland blicken, um zu sehen, dass auch in totalitären Regimes eine ungemein reiche und vielfältige Filmkultur gedeihen kann. So war es auch in China vor 1966, dem Beginn der Kulturrevolution. Hier haben es die Filme jedoch nur selten in den Westen geschafft. Eine vom Kuratorenteam „The Canine Condition“ (Lukas Foerster, Nikolaus Perneczky, Fabian Tietke, Cecilia Valenti) zusammengestellte Retrospektive, die vom 1. bis zum 31. März im Berliner Arsenal zu sehen ist, soll das nun ändern.

Ein Lied um Mitternacht 2

„Ein Lied um Mitternacht – Chinesische Filmgeschichte von 1929 bis 1964“ begibt sich in eine Zeit, in der chinesische Regisseure noch nicht wie selbstverständlich im Westen rezipiert wurden. Mit 24 Filmen ist das Spektrum weit gespannt. Neben Melodramen und Komödien gibt es auch zwei Animationsfilme zu sehen sowie das frühe Martial-Arts-Spektakel Red Heroine (1929). Außerdem werden die ersten beiden Filme von Xie Jin gezeigt, einem der populärsten Regisseure der Volksrepublik. Sein Debüt Woman Basketball Player No. 5 (1957) handelt von einem ehemaligen Basketball-Profi, der als Trainer eine Frauenmannschaft zum Erfolg bringen will. Nachdem ihm in der Vergangenheit foulende amerikanische Kollegen und Zigarre rauchende Kapitalisten die Karriere versaut haben, versucht er in der Gegenwart den Nachwuchs zu stärken und die eigenen, zerütteten Familienverhältnisse zu kitten. Neben einer Ode an Teamstärke und andere kommunistische Tugenden ist Woman Basketball Player No. 5 auch ein handwerklich ausgezeichnetes Sport-Melodram in knallbunten Farben.

Ein Lied um Mitternacht 3

Weniger doktrinär ist dagegen der noch vor dem Sieg der Volksbefreiungsarmee entstandene Song of Midnight (1937). Regisseur Ma-Xu Weibang erzählt darin ein Liebesmelodram im Gewand eines Horrorfilms, das der Handlung von Das Phantom der Oper überraschend ähnelt. Mit expressionistisch angehauchten Settings und einer Vorliebe für die Dunkelheit beschwört der Film eine romantische Gothic-Horror-Atmosphäre, die von einem starken westlichen Einfluss durchsetzt ist. Das zeigt sich nicht nur daran, wo man wohnt und was man trägt, sondern auch am Soundtrack, auf den sich etwa George Gershwins Rhapsody in Blue geschlichen hat. Noch weiter zurück in die Vergangenheit streift der Blick dann mit den Stummfilmen Little Toys (1933), New Woman (1934) und Daybreak (1934), die alle von Eunice Martins live am Klavier begleitet werden. Besonders erfreulich an der Retrospektive ist, dass die Filme bis auf wenige Ausnahmen als 35mm-Kopien gezeigt werden.  

Das gesamte Programm findet sich hier

Kommentare zu „Ein Lied um Mitternacht“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.