Dreileben: Die Sensation bleibt aus

Mit Im Angesicht des Verbrechens hat Dominik Graf vergangenes Jahr die deutsche Serien- und TV-Landschaft revolutioniert. 2011 feiert ein weiteres ungewöhnliches Fernsehprojekt seine Weltpremiere im Forum der Berlinale. Diesmal hat Graf sogar Christian Petzold und Christoph Hochhäusler im Gepäck.

Dreileben ist gewissermaßen in verkürzter Form das Resultat einer sehr lesenswerten Diskussion via E-Mail, die Petzold, Graf und Hochhäusler über die Berliner Schule geführt haben.

Alle Differenzen, die sich dort abzeichnen, sind auch im gemeinsamen Projekt erkennbar, allerdings nicht unbedingt programmatisch umgesetzt.

Zuallererst auf dieser Ebene ist Dreileben ein Erfolg: Drei überaus überdurchschnittliche deutsche Fernsehfilme zeigen die Diversität der nationalen Kinematografie auf. Und sind nebenbei in jeder Minute ganz Produkt ihres jeweiligen Auteurs (auch auf die Gefahr hin, dass der Ausdruck überanstrengt wirkt).

Drei Filme, die kein Ganzes ergeben, aber jede Menge Berührungspunkte aufzeigen: Thoreaus Walden auf Deutsch, nie so explizit und konsequent wie in Es geschah am hellichten Tag, aber – auch sicherlich dank der Kameraarbeit Reinhold Vorschneiders – in Reminiszenz an den überragenden Räuber von Hochhäuslers "Revolver"-Kollegen Heisenberg.

Petzolds Etwas Besseres als den Tod beginnt mit den Überwachungskameras, die immer auch Farocki mitdenken, und endet ganz bei sich, auf der Landstraße, beim Autofahren, an einem Scheideweg. Zwischendurch immer wieder die Wege, hier Laufstrecken, die Menschen zurücklegen müssen. Das Wasser, die Brücken. Viele Geräusche – Hubschrauber, Polizeisirenen, ungewöhnlich viel Musik, und dann "Cry me a river".

Auch bei Hochhäusler immer wieder das Überwachungsvideo, hier dient es zum twist. Eine Minute Dunkelheit mäandert, verfolgt erfolgreich die Spur eines schwerhörigen gebrechlichen Polizisten, heftet sich parallel an die Fährte eines vermeintlichen Serienkillers.  Da gibt es durchaus großartige Aufnahmen, etwa bei einer unspektakulären und einer spektakulären Flucht.

Grafs Komm mir nicht nach ist in jeder Hinsicht das Herzstück des Werks. Hier spricht der Regisseur selbst, läuft Petzold durchs Bild, ist der Triumph von 96 gegenüber Gelsenkirchen verewigt. Der Film hat noch vieles mehr zu bieten, unter anderem sensationelle Dialoge von Graf und Markus Busch. Komm mir nicht nach ist überhaupt so gut geschrieben, dass man das Buch am liebsten selber lesen würde. Aber vor allem möchte man den Film nochmal sehen.

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