Die Unberechenbarkeit des Lebens

Mit Chantal Akerman hat das Kino Ende letzten Jahres eine seiner radikalsten Protagonistinnen verloren. Das Berliner Arsenal widmet der belgischen Regisseurin nun eine kleine, aber stilistisch breit gefächerte Retrospektive, in der Akermans Mutter und ihre Holocaust-Vergangenheit im Zentrum stehen.

No Home Movie 01

Ein schon etwas vertrockneter Baum, irgendwo in der israelischen Negev-Wüste. Obwohl ihn ein Sturm immer wieder erzittern lässt, bleibt er standhaft. Dass Chantal Akerman dieses scheinbar ereignislose Bild gleich über mehrere Minuten hält, ist fast schon eine Zumutung. Fast, weil uns der ungewöhnlich langsame Rhythmus, der uns hier aufgezwungen wird, zwar an die Grenzen der Geduld bringt, die Einstellung aber weniger Provokation als Notwendigkeit ist. No Home Movie (2015), die letzte Arbeit der belgischen Regisseurin, bevor sie sich Ende letzten Jahres das Leben nahm, ist ihrer Mutter gewidmet – einer Holocaust-Überlebenden, die in ihrer Brüsseler Wohnung immer noch von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Zwischen minimalistischen Reise-Impressionen zeigt Akerman mit versteckter Kamera gefilmte Gespräche oder Skype-Unterhaltungen, die wegen der technischen Unbedarftheit der Mutter zur Herausforderung werden. Meist werden dabei zwar nur Floskeln aneinandergereiht, aber hinter der Routine ist doch auch etwas von einem Familienzwist zu spüren sowie von einem nicht zu lindernden Schmerz, der das ganze Leben von Natalia Akerman überschattet hat.

Jeanne Dielman

Das Berliner Arsenal widmet Chantal Akerman vom 1. bis zum 9. September eine Reihe, die angesichts des umfangreichen Oeuvres der Regisseurin sehr überschaubar ausgefallen ist. Dabei würdigt das Programm zwar die stilistische Vielfalt Akermans, konzentriert sich aber vor allem auf ein wiederkehrendes Leitmotiv ihrer Arbeit: die Geschichte ihrer Mutter. So steht in Berlin auch Jeanne Dielman (Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles, 1975) auf dem Programm, der ein interessantes Komplementärstück zu No Home Movie bildet. In quälender Ausführlichkeit zeigt Akerman darin über vier Stunden den penibel ritualisierten Alltag einer Hausfrau, Mutter und Hure. Die ständige Wiederholung immer gleicher und recht bedeutungsloser Handlungen geben der Protagonistin zwar eine Art Sicherheit, legen sich ihr aber zugleich wie Fesseln um die Hände.

Avantgardistin mit Schwäche für Popkultur

News From Home

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass Akerman ihre Filme mit radikalen ästhetischen Konzepten wie in ein Gefängnis einschließt. Doch eine Arbeit wie der großartige Essay-Film News from Home (1977) zeigt, dass sich die Regisseurin trotz formaler Strenge auch der Unberechenbarkeit des Lebens öffnet. Während Akerman Briefe ihrer Mutter aus dem Off vorliest, widmet sie sich auf der Bildebene ihrem damaligen Exil New York. Lange Einstellungen von wuselnden Menschenmassen in Manhattan sind da zu sehen, vollgepackte U-Bahn-Wagen oder geisterhaft verlassene Straßen in der Morgendämmerung. Wie ein gewaltsamer Eindringling legt sich dabei immer wieder der Straßenlärm über das Voice-over und verdeutlicht, wie sich die Attraktionen der Stadt vor die sich sorgende Mutter in der Ferne drängeln. Akerman ist sich stets bewusst, dass sie New York nicht bändigen kann. Mit jedem Menschen, der durchs Bild läuft, und jedem Auto, das die Kamera passiert, wird die Filmemacherin ihrer Kontrolle beraubt.

Morgen ziehen wir um

Akerman wird vor allem als Avantgardistin gefeiert; als feministische Filmemacherin, die mit den Konventionen eines illusionistischen Kinos bricht. Dabei hatte sie durchaus auch eine Schwäche für die Popkultur und das klassische Erzählen. Mit der manierierten Slapstick-Komödie Morgen ziehen wir um (Demain on déménage, 2003) feiert sie in einer atemlosen Inszenierung die Neurosen ihrer verkorksten Figuren – und landet dabei irgendwann doch wieder bei den Lagererfahrungen der Mutter. In einem Interview beschrieb Akerman einmal, wie sie eigentlich eine lebensbejahende Komödie drehen wollte, der Film sich aber dann während des Drehens zunehmend zu einer Geschichte über KZ-Überlebende und ihre Nachkommen entwickelte. Das Paradox von Akermans Filmen ist, dass sie einerseits von einem offensichtlichen Kontrollzwang geprägt sind, andererseits aber auch genug Raum lassen, in dem sich die Wirklichkeit entfalten kann. So verhält es sich auch mit dem Baum in der Wüste, der als Metapher für die Widerstandsfähigkeit der Mutter oder die Strapazen ihres Lebens verstanden werden kann, darüber hinaus aber auch ein nie ganz greifbares Eigenleben führt. Die Grenzen des Bildes mögen klar gesetzt sein, aber die Bewegungen der Äste folgen ihrer eigenen Logik.

Hier geht es zum vollständigen Programm der Reihe

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