Die Filme von Olivier Assayas - Retrospektive Berlin

Demonlover 01

Der große Star des Hongkongkinos Maggie Cheung spielt den großen Star des Hongkongkinos Maggie Cheung. Ein cholerischer französischer Regisseur hat Maggie Cheung (als Maggie Cheung) angeheuert, in einer Neuverfilmung des Feuillade-Serials Fantomas die Rolle des legendären Vamps Irma Vep zu übernehmen. Die Dreharbeiten gehen nicht wirklich voran, aber das enge schwarze Lackkostüm scheint Maggie Cheung zu gefallen; in ihrem Hotel macht sie sich nachts auf zu Raubzügen - wie die fiktionale Irma Vep 80 Jahre vor ihr.

Ein metafilmisches Verwirrspiel sondergleichen hat Olivier Assayas international bekannt gemacht. In Irma Vep (1996) kollabieren Fiktion und Realität, Film und Leben andauernd und auf gleich mehreren Ebenen ineinander. Nur konsequent erscheint es da, dass der Regisseur Olivier Assayas und sein Star Maggie Cheung während der Dreharbeiten eine Beziehung beginnen. Die beiden heiraten 1998, nach drei Jahren folgt die Scheidung, wiederum drei Jahre später, 2004, ein zweiter gemeinsamer Film: Clean, einer der schönsten des Regisseurs. Seit Irma Vep hat Assayas einen festen Platz im europäischen Kino und das, obwohl er sich mit fast jedem Film neu zu erfinden scheint. Er dreht Kostümfilme (Les destinées sentimentales, 2000), Cyber-Thriller (Demonlover, 2002) und Familiendramen (L'heure d'été, 2008), zuletzt 2010, seine vielleicht ambitionierteste Arbeit, den Mehrteiler Carlos über den europäischen Terrorismus der Nachkriegszeit.

Was diese ganz unterschiedlichen Projekte zu einer Autorenposition zusammenbindet, ist weniger ein Stil, als eine Haltung. Assayas' Filme sind nicht hektisch, aber dynamisch, immer im Fluss, keiner seiner Protagonisten kann sich mit Stillstand abfinden, keiner gibt sich mit der bloßen Gegenwart, seinem vermeintlichen Schicksal zufrieden. Wieder und wieder erkunden die Filme die Übergänge von Leben und Kunst, die materiellen Bedingungen von Kunstproduktion, die Art und Weise, wie Kunst wieder ins Leben zurückwirkt, zurückwirken muss, wenn sie irgendeinen Wert haben möchte. In L'heure d'été wird das Mobiliar einer Villa aufgelöst, an die sich viele Familienerinnerungen knüpfen, aber der Film ist in seiner Ablehung von Nostalgie ganz konsequent: Am Ende hat sich eine neue Generation die Villa angeeignet, vom Alten bleibt nichts übrig, nicht einmal mehr eine Sehnsucht. Es gibt noch andere Kontinuitäten im Werk, die Faszination mit Asien, asiatischem Kino und asiatischer Popkultur zum Beispiel. Für die Reihe Cinéma, de notre temps drehte Assayas 1997 ein Porträt des taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-hsien und nicht nur in Irma Vep, sondern auch in Demonlover und Boarding Gate (2007) geht es um den Kulturtransfer von Asien nach Europa und zurück.

Dank einer Retrospektive des Kinos Arsenal können Berliner Kinozuschauer ab dem 1.10. die bisherige Karriere des Filmemachers Assayas verfolgen. Und zwar bis zurück zu den Anfängen: Die Reihe präsentiert auch das selten gezeigte Frühwerk aus den Achtzigern und frühen Neunzigern.

Weitere Informationen auf der Website des Arsenal Kinos.

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