Das Leben stilllegen

Dass der 2015 verstorbene Manoel de Oliveira gewissermaßen der Methusalem der Filmgeschichte war, ist keineswegs das Interessanteste an ihm. Das Berliner Arsenal bietet nun mit einer Retrospektive die Möglichkeit, sich davon zu überzeugen.

In The Strange Case of Angelica (O Estranho Caso de Angélica, 2010) geht es um einen Fotografen, der das Totenporträt einer jungen Frau schießt. Als er durch die Kameralinse blickt und die Verstorbene plötzlich erwacht, traut er erst einmal seinen Augen nicht. Doch schon ist es um ihn geschehen: Er hat sich in eine Tote verliebt. Und immer wieder sucht sie ihn heim – nicht nur im Objektiv seiner Kamera, sondern auch auf Fotografien und in Träumen.

The Strange Case of Angelica

Der Portugiese Manoel de Oliveira hat diese Geschichte in seinem vorletzten Langfilm realisiert. Seine Karriere umfasste zu diesem Zeitpunkt schon fast ein ganzes Jahrhundert. Über wie viele Filmemacher kann man schon sagen, dass sie von der Stummfilmzeit bis ins digitale Zeitalter gedreht haben? De Oliveira scheint also auf den ersten Blick ein Regisseur der Superlative zu sein – einer, der selbst im stolzen Alter von 105 Jahren noch hinter der Kamera stand und den es mitunter auch zu großen Stoffen wie der biblischen Passionsgeschichte und Gustave Flauberts Madame Bovary zog. Und doch hat er dabei nie sein Interesse für das Persönliche und Regionale verloren. Immer wieder widmete er sich der Gegend in und um seine Heimatstadt Porto, den Landschaften, aber auch den oft einfachen Menschen, die in ihr leben. So monumental de Oliveira durch sein langes Leben als Künstlerfigur erscheint, so wenig trifft das auf seine Filme zu.

Acto da Primavera

Statt die Figuren – wie der Fotograf in The Strange Case of Angelica – zum Leben zu erwecken, legt er das Leben vielmehr durch die Reduktion seiner Inszenierung still. In Der Leidensweg Jesu in Curalha (O acto da primavera, 1963) verfilmte er etwa ein Mysterienspiel aus dem 16. Jahrhundert als eine Art brut portugiesischer Bauern. Der Text wird dabei recht emotionslos aufgesagt, und die Figuren sind keine psychologisch gezeichneten Charaktere, sondern lediglich Träger der Handlung. Doch trotz dieser Distanz zum Geschehen entwickelt der Film einen ungemeinen Sog, gerade weil er sich nicht für das Konzept des Glaubens interessiert, sondern dafür, wie er von Unterprivilegierten einer Gesellschaft praktiziert wird. Und während de Oliviera sich zwar sehr auf den Text des Mysterienspiels konzentriert, bricht er aber auch immer wieder mit der Fiktion: Biblische Szenen wechseln sich mit dokumentarischen Beobachtungen des Landlebens ab. Dann sieht man auf einmal die Filmcrew bei der Vorbereitung einer Szene, und irgendwann tauchen auch ein paar Hipster aus der Stadt auf und amüsieren sich über die ulkigen Traditionen der Bauern.

A Caca 1

Es gibt einige dieser Schwellenüberschreitungen in Oliveiras Filmen – nicht nur von der Fiktion in die Realität und wieder zurück, sondern auch vom Alltäglichen ins Parabelhafte (wie in seinem schönen Kurzfilm A Caça) oder von der Wirklichkeit ins Fantastische. In The Strange Case of Angelica streckt die Verstorbene irgendwann dem hoffnungslos Verliebten die Hand entgegen, um ihn mit ins Reich der Geister zu nehmen. Wer wissen möchte, ob er sie annimmt, kann das diesen Monat im Berliner Arsenal herausfinden. Ab dem 8. April laufen dort siebzehn von de Oliveiras Filmen, die einen zwar nicht vollständigen, aber doch umfangreichen Blick ins Oeuvre des Regisseurs gewähren.

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