Berlinale-Direktor Dieter Kosslick fürchtet Kritik

Wie soeben bekannt wurde, hat Dieter Kosslick seine bereits im Frühjahr zugesagte Teilnahme am Filmkritiker-Symposium zur Berlinale, das am 13.10.2011 in Berlin stattfindet, zurückgezogen.

Wie soeben bekannt wurde, hat Dieter Kosslick seine bereits im Frühjahr zugesagte Teilnahme am Filmkritiker-Symposium zur Berlinale, das am 13.10.2011 in Berlin stattfindet, zurückgezogen. Wie dem auf der Website des Verbands der deutschen Filmkritik (VDFK) veröffentlichten Briefwechsel zwischen dem Festivaldirektor und dem Verband entnommen werden kann, fürchtet Kosslick, es handele sich bei der Veranstaltung um eine „Einladung zum Tribunal“.

Im Sinne einer vollständigen Offenlegung: Der Autor dieser Zeilen, critic.de-Chefredakteur Frédéric Jaeger, ist als Beirats-Mitglied des VDFK Co-Organisator des Symposiums.

Der falsche Ton oder der falsche Zeitpunkt?

Liest man die Ankündigung der Veranstaltung „Was kommt nach den Verrissen?“, die auf Seiten der Berlinale für Aufruhr sorgte, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die darin zusammengefassten Berlinale-Berichte ein alarmierendes Bild des Festivals zeichnen, das einer so vielfältigen Institution nicht gerecht werden kann. Die ebenfalls geäußerte Notwendigkeit, die Gräben zwischen Filmkritik und Festivalorganisatoren zu überbrücken, bestätigt zwar auch Kosslick in seinen Briefen, er konterkariert diese Intention aber zugleich durch seine Ablehnung selbst des Angebots, statt eines Streitgesprächs bei der Veranstaltung eine freie Redezeit eingeräumt zu bekommen. Sein Vorschlag eines späteren Termins wirkt indes wie ein kaum verhohlenes Eingeständnis, dass das Symposium für Kosslick nicht nur den falschen Ton, sondern vor allem den falschen Zeitpunkt trifft. Wie öffentlich bekannt ist, befindet sich Kosslick aktuell in den Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung, die ihm den Posten als Festivaldirektor über das Jahr 2013 hinaus sichern könnte. Kulturstaatsminister Bernd Neumann, gleichzeitig auch als Aufsichtsratsvorsitzender der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH maßgeblich beteiligt an diesen Verhandlungen, hatte Ende August zuletzt bestätigt, dass er eine Verlängerung des Vertrages Kosslicks befürworte, was dafür sprechen dürfte, dass Kosslick ihn bereits mit seinem Konzept für die Zukunft der Berlinale überzeugen konnte. Dass sich Dieter Kosslick zur selben Zeit und als Inhaber einer von Bund und Land besetzten Stelle hingegen nicht traut, Kritikern entgegenzutreten, scheint befremdlich. Sein Rückzieher könnte in diesem Kontext vielleicht mit dem öffentlich intransparenten Verfahren erklärt werden, bei dem der besagte Aufsichtsrat ohne Ausschreibung und ohne öffentliche Diskussion seine Entscheidung zu fällen pflegt und jede Debatte über die Leistung des Festivalleiters daher als unwillkommenes Störfeuer angesehen werden müsste. Da die zuständigen Politiker aber allem Anschein nach der Kritik keinerlei Bedeutung beimessen, sollte der Vertragsverlängerung, wie Neumann es vorhersagt, ohnehin nichts im Weg stehen.

Angst vor dem Kontrollverlust

Mit dem Bild Dieter Kosslicks in den Medien lässt sich die Angst vor Kritik kaum zusammenbringen. Schließlich ist und bleibt er der Showmaster und Strahlemann, der scheinbar jede Kritik mit einem Scherz über sein Image als Festivaldirektor, der kaum Filme guckt, überspielen kann. Dass hinter den Kulissen ein streng geführtes Regime über die Autorisation jedes Interviewsatzes wacht, ist schwer vorstellbar. Doch wie mehrere Kollegen bestätigen, ist das Pressebüro sogar bisweilen darum bemüht, Aussagen, die Kosslick in Interviews nie getätigt hat, in Interviews hineinzuredigieren. Heutzutage muss man solche Überschreitungen der Presse-Ethik leider als Phänomene einer von PR-Agenten dominierten Interview-Landschaft einordnen, die gerade in Deutschland eine unverhältnismäßige Kontrollwut insbesondere von Schauspielern, Sportlern und ihren Agenten zur Folge hat. Bei Konzernen spricht man dann nicht mehr von Positionen, sondern von Sprachregelungen. Einer kulturellen Veranstaltung, noch dazu einer öffentlichen, steht eine solche Haltung nicht gut zu Gesicht.

Liest man die Festivalabschlussberichte 2011, ob in der französischen Le Monde, in der britischen Sight & Sound oder in den vielen unterschiedlichen deutschen Tageszeitungen, im Online-Feuilleton und in Filmzeitschriften, dann kann man die Diskussionsscheu der Berlinale einerseits gut nachvollziehen und muss sie zugleich doch sehr bedauern. Glaubt man den Artikeln, dann befindet sich das Festival in einer tiefen Krise, die nur ein radikaler Wandel beenden könnte. Zieht man sie in Zweifel, dann ist die versammelte Kritikerschar einer Illusion aufgesessen, die es zwingend auszuräumen gelten müsste. In jedem Fall können Kritiken und Berichte nur ein Ausgangspunkt sein, der Beginn einer Debatte, auch darüber, was wir in Deutschland für ein Filmfestival haben, brauchen und uns wünschen. Die Berlinale wird ganz folgerichtig als Festival mit internationaler Bedeutung aus Mitteln des Bundes finanziert, als öffentliche Institution muss sie sich aber nicht nur zu jeder Zeit fragen lassen, sondern auch darüber Auskunft geben, was wir uns da eigentlich im Namen von Filmfestspielen leisten. Ein souveräner Festivaldirektor wird seine Vision überall und auch gegenüber Filmkritikern zu verteidigen wissen.

Das VDFK-Symposium „Was kommt nach den Verrissen?“ zur aktuellen Lage und der Zukunft der Berlinale findet am 13.10.2011 ab 13h im Berliner Museum für Film und Fernsehen statt.

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