Askese und Exzess – Pinoy Cinema (9)

Sex oder Revolution? Peque Gallaga und Mike De Leon erzählen von den letzten Jahren der Marcos-Diktatur und von Menschen, die sich entweder der Lust hingeben oder für den politischen Widerstand opfern.

Pinoy Cinema 9 Teaser

Es war ein schwüler Sommer im Jahr 1985. Auf den Philippinen ist zwar jeder Sommer schwül, aber dieses Mal lag es auch daran, dass es im Kino eine besondere Attraktion zu bestaunen gab.  Peque Gallagas Scorpio Nights sorgte für eine Stimmung, die Brian L. Yeatter in seinem Buch Cinema of the Philippines mit einem Rockkonzert verglich: Die Menschen drückten sich massenweise in die Säle der Lichtspielhäuser, um den berüchtigten Erotikfilm zu sehen. Und wer auf den Sesseln keinen Platz mehr fand, nahm eben mit dem Boden vorlieb. Die Faszination lässt sich auch heute noch nachvollziehen. Gallaga hatte einen Film gedreht, der es nicht nur verstand, den prickelnden Reiz des Verbotenen auszukosten, sondern dabei auch die soziale Wirklichkeit nicht ausschloss. Die sexuelle Erweckungsgeschichte seines Protagonisten siedelte er in einem überbevölkerten Wohnhaus an. Der Student Donny verbringt die Semesterferien hier zunächst alleine in seinem Zimmer; von Schweißperlen übersät und zum ewigen Wichsen verdammt. Zwei Löcher in der Wand legen schließlich den Blick auf die verheiratete Nachbarin frei. Und während Donny sich dazu entschließt, eine Grenze zu überschreiten und sich seinem unstillbaren Verlangen hinzugeben, steigt auch die Gefahr, entdeckt zu werden.

Nur ein Jahr vorher hat Mike De Leon mit Sister Stella L. (1984) einen Film gedreht, dessen Heldin das genaue Gegenteil von Donny ist. Nora Aunor spielt eine Nonne, die der persönlichen Glückssuche und Lustbefriedigung den Verzicht vorzieht. Gott hat sie sich bereits verschrieben, jetzt muss sie sich nur noch für den politischen Widerstand opfern. Ihren Leidensweg erzählt De Leon in einem Melodram, das – wie schon die düstere Parabel Batch '81 (1982) – vor allem eine wütende Anklage gegen das Marcos-Regime ist. Nur zwei Jahre später, im Februar 1986, bewies das philippinische Volk schließlich, dass es keine Märtyrer mehr braucht. Im Rahmen einer friedlichen Revolution besetzte es die Straßen Manilas und vertrieb den Diktator aus seinem Palast.

Zu den Texten:

Scorpio Nights

Sister Stella L.

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