All Singing, All Dancing: Hollywood-Musicals 1933–1957

Zwischen fantastischem Exzess und sozialer Realität. In der kalten Jahreszeit wärmt das Berliner Arsenal mit 22 bekannten und weniger bekannten Musical-Klassikern die Herzen. 

Gold Diggers of 1933 01

Der Moment, in dem ein Musical seinen Zuschauer entweder verliert oder für sich gewinnt, ist der Augenblick, in dem der Gesang einsetzt. Mit einem Mal löst sich der Film von den Beschränkungen des Realismus, formatiert die Grübeleien des Helden oder die Beziehungen der Figuren zu einem Song und verliert sich dabei ganz in einer von Musik und Gefühlen bestimmten Welt. Nicht jeder kann damit etwas anfangen. So populär das Musical ist, so vielen Vorwürfen ist es zugleich ausgesetzt. Es sei kitschig, heißt es etwa, sentimental und oberflächlich. Und während zumindest an den ersten beiden Vorwürfen durchaus etwas dran ist, sollte man mit zwei häufigen Missverständnissen aufräumen. Zunächst einmal bedeutet der Bruch mit der Wirklichkeit nicht, dass diese keinen Platz in einem Musical hat. Einen Beweis dafür findet man etwa in Mervyn LeRoys Goldgräber von 1933 (Gold Diggers of 1933, 1933), der seine Songs nicht nur auf eine von der äußeren Erzählebene getrennte Bühne verbannt, sondern nebenbei auch von den Überlebensstrategien während der Zeit der Depression erzählt.

Häschenohren und Seeräuber-Hot-Pants

An American in Paris 3

Natürlich kann sich ein Musical auch ganz der Imagination hingeben. So wie Der Pirat (The Pirate, 1948), der sich in leuchtendem Technicolor ein mit allerlei folkloristischem Kitsch vollgepacktes karibisches Küstendorf aus dem 19. Jahrhundert zusammenfantasiert. Da wären wir bei dem zweiten Missverständnis. Denn obwohl Vincente Minnellis Film durchaus campy und eskapistisch ist, thematisiert er doch ganz offen jene Sehnsucht nach exotischen Orten und fernen Lebenswelten, die auch viele Zuschauer ins Kino treibt. Gleich in einer der ersten Szenen blickt die Heldin der Geschichte aufs weite Meer und träumt von der Freiheit. Manuela (Judy Garland) wurde gerade an den deutlich älteren und nicht besonders attraktiven Bürgermeister der Stadt Calvados verheiratet. Während der sie zu einem braven Heimchen machen will, schlägt sich Manuelas Wunsch, aus diesem bürgerlichen Gefängnis auszubrechen, in einer geheimen Faszination für den gefürchteten Piraten Macoco nieder. Und weil der Schauspieler und Weiberheld Serafin – den Gene Kelly mit schmieriger Grandezza spielt – das mitbekommt, gibt er sich einfach als Macoco aus, um ihr Herz zu gewinnen.

The Pirate 1

Um Manuelas Drang nach dem Rohen, Wilden und Gefährlichen zu veranschaulichen, inszeniert Minnelli eine großartige Szene, in der sie sich vor glühend rotem Studiohimmel zusammenträumt, wie es mit dem Piraten sein könnte. Das Unbewusste nimmt Form an, wird zu einer Fantasie, die quietschbunt und romantisch ist, gleichzeitig aber auch von Manuelas so gar nicht jugendfreier Lust nach Unterwerfung erzählt. Mit Häschenohren (!) kniet sie vor ihm, während er die Muskeln spielen lässt und in aufreizenden Seeräuber-Hot-Pants einen bedrohlichen, mit Pirouetten verzierten Balztanz aufführt. Davor hackt er ihr noch mit seinem Säbel die Öhrchen ab.

The Pirate 2

Serafin ist aber längst nicht der Einzige, der hier Theater spielt. Auch Manuela versteckt die Wahrheit hinter einer Maskerade. Als sie dem vermeintlichen Piraten als Geliebte geopfert werden soll, damit ihre Heimatstadt nicht verwüstet wird, spielt sie nach außen hin die Trauernde, während sie sich hinter verschlossener Tür schon wie ein Schnitzel freut, sich bald dem wilden Draufgänger hingeben zu dürfen. Minnelli hat sichtlichen Spaß daran, mit Trugbildern und falschen Identitäten zu spielen. Er etabliert stereotype Figuren, nur um sie anschließend immer wieder ironisch zu brechen. Es ist kein Zufall, dass das Motiv der Bühne und eine seltsame, mit Spiegeln versehene Apparatur zur Hypnose eine wichtige Rolle in der Handlung spielen. Jeder blendet jeden.

Die Realität nicht vergessen, aber ertragen

Stormy Weather 1

Am Freitag ist Der Pirat zur Eröffnung einer Reihe über klassische Hollywood-Musicals im Berliner Arsenal zu sehen. Bis Ende Januar stehen dort 22 Filme auf dem Programm, die fast alle auf 35mm gezeigt werden. Klassiker wie Ein Amerikaner in Paris (An American in Paris, 1951), http://www.youtube.com/watch?v=36QiuRc_3I8Du sollst mein Glücksstern sein (Singin’ in the Rain, 1952) und Die 42. Straße (42nd Street, 1933) gibt es dabei ebenso zu sehen wie nicht ganz so bekannte Vertreter des Genres. Dass sich das Musical auch dazu eignet, musikalische Traditionen zu archivieren, die ihr Dasein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch überwiegend jenseits der Kinosäle fristeten, zeigt der nach dem gleichnamigen Song benannte Film Stormy Weather (1943). Mit einer rein afroamerikanischen Besetzung ist die teils autobiografische Geschichte des Hauptdarstellers Bill „Bojangles“ Robinson zwar lose um eine Vielzahl an unterschiedlichen Nummern konstruiert – diese haben es aber in sich. Neben Gesangs- und Tanzeinlagen, die typisch für die Musicals der damaligen Zeit sind, finden sich auch Spuren von Minstrel-Shows sowie einige großartige Blues-Darbietungen, eine davon mit dem Jazz-Pianisten Fats Waller. Und auch hier erfährt wieder die Wirklichkeit Einzug, wenn von Afroamerikanern erzählt wird, die zwar im Ersten Weltkrieg mit an der Front kämpfen, zugleich aber in einer Parallelwelt leben müssen. Wenn die Musik erklingt, ist zwar auch die soziale Realität nicht vergessen, lässt sich aber zumindest besser ertragen.

Das Programm gibt es hier

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