Aki-Kaurismäki-Retrospektive in Berlin

Existenzialistische Coolness – Eine Berliner Retrospektive zeigt das zwischen amerikanischen Kinoträumen und europäischer Tristesse torkelnde Schaffen Aki Kaurismäkis.

15. - 28. September 2011, in den Berliner Kinos Eiszeit, fsk-Kino am Oranienplatz und Sputnik Südstern

Ariel

Das Schöne bei Aki Kaurismäki ist ja (und wahrscheinlich ist er nicht allein deswegen ein beliebter Gast auf Filmfestivals), dass man in seinem Falle noch ganz ungeniert und ohne Probleme von einem Autoren sprechen kann. Es gibt nicht viele Regisseure, deren Schaffen stilistisch, inhaltlich und atmosphärisch derart homogen geblieben ist und in seiner Selbstbezüglichkeit noch immer so blendend funktioniert. Es ist wie bei dem alt bekannten Salamivergleich: wo auch immer man die Kaurismäki-Wurst aufschneidet, die Struktur ist stets einzigartig, aber der Geschmack bleibt gleich.

Ein möglicher Schnitt wäre zum Beispiel Ariel von 1988: Ein Typ in Lederjacke sitzt in einem riesigen Chevy-Cabrio, außen cremefarben, innen scharlachrot, neben ihm eine Frau mit roter Mähne und tiefdunkler Ray-Ban Wayfarer-Brille. Amerikanische Kino-Standards, soweit. Aber zusammen mit den graubraunen finnischen Arbeiterblocks, der skandinavischen Winternacht und dem kaputten Verdeck bekommt all das eben jenen besonderen Kaurismäki-Drall: die Kollision der ewigen Bilder des Kinos mit der kleinen europäischen Misere, eine bildliche Liste der Unsinnigkeiten, frei nach dem Motto „It's never too dark to be cool“. Oder dessen mögliche Paraphrasierung: „It's never too late to be cool“ (zum Beispiel auch dann nicht, wenn man schon einen Profikiller auf sich selbst angesetzt hat, weil man das mit dem Selbstmord nicht hinkriegt: I hired a contract killer, 1990). Oder: „You're never too poor to be cool“ (die Mine, in der Ariel gearbeitet hatte, fliegt gleich zu Filmbeginn in die Luft).

Coolness ist wichtig für Kaurismäki, aber es ist eine ganz eigene, über sein gesamtes Schaffen immer tiefer erforschte Form von Coolness; Haltung angesichts des Scheiterns, schnoddrige Auflösung der Grenze zwischen schwarzer Depression und schwarzem Humor. Manche finden das sterbenslangweilig und immergleich, andere können nie genug bekommen. Für alle Letztgenannten und sonstwie Interessierten gibt es nun anlässlich des Starts von Kaurismäkis neustem Film Le Havre die Möglichkeit, 16 seiner Spielfilme in den Berliner Kinos fsk, Sputnik und Eiszeit noch einmal auf der Leinwand zu sehen. Und Kaurismäkis Filme, so beengt und kammerspielartig sie oberflächlich scheinen mögen, sind reinrassige Kinofilme. Nur dort kann man die bis ins kleinste Detail komponierten Kader seines Kameramanns Timo Salminen würdigen, das minimale Spiel seiner Schauspieler, all die feinen Nuancen erleben, die jeden seiner Filme feine, aber letztlich doch unverkennbare Konturen verleihen.

Bei Kaurismäkis Filmen geht es dabei im Kern wohl immer um dreierlei: Licht, Menschen, Musik. Das sind die Achsen der Filmkunst des Finnen, und sie alle wollen in gewisser Weise erkämpft werden: gegen die Dunkelheit, gegen die Marginalisierung, gegen die Stille. Denn Kaurismäkis Filme sind nicht selten Nachtschattengewächse, getaucht in die langen skandinavischen Winternächte, erhellt vom Glitzern der Jukeboxen und Discokugeln, von einsamen Glühbirnen und Neonreklamen. Seine Figuren wiederum drücken sich stets an den „Rändern der Gesellschaft“ herum, oder wurden dorthin gedrückt, so wichtig ist die Frage bei Kaurismäki eigentlich nicht. Statt Schuldzuweisungen oder Betroffenheitskitsch geht es hier immer darum, wie der einzelne die eigene (meist eher beschissene) Situation zum Lebensstil umformt: der Selbstmörder, der Arbeitslose, das Dienstmädchen. Und das fordert desto mehr Kreativität, je weiter man sich entfernt von den etablierten sozialen Rollenbildern. Und schließlich, ganz nah beim filmischen Herzen, die Musik. Die gibt es so gern und oft in Form von Performances, was meist zu Hochzeiten der drei hier behaupteten Filmachsen führt: „Skurille“ Typen, in „schummrigen“ Etablissements, spielen ihre ganz eigene Form von Musik, meist irgendwo zwischen Blues, Rock'n'Roll und Soul, mit einem Bein in Amerika also, aber immer erdig, immer analog, immer irgendwie europäisch, mit dem charmanten Makel des Fehlerhaften und Hoffnungslosen, und immer doch emphatisch gefeiert.

Weitere Informationen zum Programm: Programm-Flyer; Homepage vom FSK-Kino; Kaurismäki-Website vom Filmverleih

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