Afrikamera 2014

Mehr als nur sozial brisant und gut gemeint: Vom 11. bis zum 16. November gibt es in Berlin und Kassel neues afrikanisches Kino zu sehen.

Touki Bouki

Mory und Anta haben beschlossen, ihrer Heimat Senegal den Rücken zu kehren. Statt in einem Land zu bleiben, in dem sie keine Zukunft für sich sehen, wollen sie lieber in Frankreich ihren Träumen von einem besseren Leben nachjagen. Am Ende von Djibril Diop Mambétys Touki Bouki (1974) kommt jedoch alles ganz anders. Das mit der Liebe will in diesem ungestümen Meilenstein des afrikanischen Kinos nämlich nicht so recht funktionieren, und Mory sitzt am Ende immer noch in Dakar, wo er weiter seine Rinder hüten muss. Fast vierzig Jahre später knüpft Mati Diop – Regisseurin und Nichte von Mambéty – an diese Geschichte des Fernwehs an. In Mille soleils (2013) folgt sie dem gealterten Darsteller des Mory, der mit seinen Cowboystiefeln durch die Straße zieht und nur ferne Erinnerungen an seine Jugend hat. Als er eine Vorführung von Touki Bouki besucht, versucht er einigen Kindern klar zu machen, dass er der coole Typ auf der Leinwand ist. „Du siehst doch ganz anders aus“ belehren ihn daraufhin die Jungen. „Deine Haare sind ja ganz grau.“

Mille soleils

Einmal im Jahr gewährt das Festival Afrikamera einen kleinen Einblick in das Filmschaffen eines Kontinents, der auf der westlichen Kinolandkarte praktisch nicht existiert. Wobei das natürlich  nicht ganz stimmt. Filme wie Grisgris und Timbuktu, die ebenfalls auf dem Programm stehen, liefen immerhin im Wettbewerb von Cannes und Timbuktu ist ab Dezember sogar in den deutschen Kinos zu sehen. Die meisten der 16 Kurz- und Langfilme, die vom 11. bis zum 16.  November im Berliner Arsenal und auf dem Kasseler Dokfest gezeigt werden, sind jedoch mit nur zurückhaltender internationaler Beteiligung und einem geringen Budget entstanden. Manchen der Filme sieht man an, dass es in vielen afrikanischen Ländern nicht nur an Geld, sondern auch an einer professionellen Filmausbildung mangelt. Doch Afrikamera hat mehr zu bieten als nur Filme, die sozial brisant und gut gemeint sind. Gerade Matti Diop reizt mit ihren bescheidenen Mitteln die Möglichkeiten des Mediums aus. Mille soleils ist weder ein Remake noch ein Dokumentarfilm über die kurze Karriere eines senegalesischen Filmstars, auch keine Reflexion über die Träume von früher und die Realität von heute – sondern all das zusammen. Schon bald erübrigt sich hier die Frage, ob wir es nun mit dem Schauspieler Niang oder der Figur des Mory zu tun haben.

Examen d etat

Anders als bei Diop wird in Examen d'état sofort klar, dass es sich hier um die Wirklichkeit handelt. Der Kongolese Dieudo Hamadi hat eine Dokumentation gedreht, in der er eine Gruppe von Schülern bei ihrem steinigen Weg zur Abschlussprüfung begleitet. Dabei interessiert er sich nicht für den institutionellen Rahmen, sondern dafür, was die Jugendlichen alles auf sich nehmen, um an ihr Ziel zu kommen. Der erste Rückschlag erfolgt, als sie ihre Schulgebühren nicht bezahlen können. Der Direktor gibt ihnen zu verstehen, wie es läuft: Ohne ihr Geld können auch die Lehrer nicht bezahlt werden. Die Konsequenz daraus ist, dass die Jungen und Mädchen vom Unterricht ausgeschlossen werden und daraufhin – vom Exorzismus bis zum Betrug – nichts unversucht lassen, um die Prüfung trotzdem zu bestehen. Was Hamadi auszeichnet, ist, dass er in seinem Film nicht gewaltsam dramatisiert, keinen Voice-over braucht und keine an die Gefühle der Zuschauer appellierende Musik. Stattdessen lässt er längere Szenen wirken, lässt Raum für Details und für eine Spannung, die sich darin langsam entfalten kann. In der bewegendsten Szene erfahren die Schüler per SMS ihre Prüfungsergebnisse. Während die einen um ihre Zukunft bangen, rennen die anderen schon jubelnd durch die bevölkerten Straßen Kisanganis. Ob es die Absolventen letztlich ins Ausland treibt oder ob sie in der Heimat bleiben, das lässt Examen d'état offen. Zumindest einige haben die erste Hürde zu einem vielleicht  unbeschwerteren Leben bewältigt. Hamadi bleibt jedoch solidarisch und verweilt mit den Verlierern.

Das gesamte Programm gibt es hier.

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